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Empfehlungen von Brigitte Giesler

Fatma Aydemir
Ellbogen
Hanser, € 20,-

 

Fatma Aydemirs Debütroman "Ellbogen" handelt vor allen Dingen von Frust, Wut und Fremdheit. Die Stimme derer, aus der alles herausbricht ist rotzig, abgebrüht und zutiefst verletzt.
Es ist Hazal, eine junge Frau, die man früher Gastarbeiterkind genannt hätte. In Deutschland geboren, lebt sie mit ihren türkischen Eltern und ihrem Bruder in Berlin-Wedding. Ihr achtzehnter Geburtstag steht vor der Tür. Was für viele Freiheit bedeutet, hat bei ihr Zuhause keine Bedeutung. Was man von ihr erwartet ist Unterordnung und Gehorsam. Hazal sitzt in der Falle. Mit der Schule ist sie fertig, einen Ausbildungsplatz hat sie nach 50 Bewerbungen nicht bekommen. Sie hilft in der Bäckerei ihres Onkels aus. Dabei wollte sie einmal Ärztin werden.
Von ihrem Selbstmordversuch erfährt man von der Ich-Erzählerin beiläufig. Das einzige, was ihr etwas bedeutet, sind ihre Freundinnen Gül und Elma. Mit ihnen kann sie durch Berlin ziehen, kiffen, trinken. Mit ihnen will sie ihren 18. Geburtstag in einem schicken Club feiern.
Doch der ersehnte Abend wird zu einer einzigen Enttäuschung. Der Türsteher weist sie ab. „Weil sie Kanaken sind“, davon sind die Mädchen überzeugt. Die Partylaune wird durchmischt von Verzweiflung und Aggression. Zurück in der U-Bahn, kommt es zum Befreiungsschlag für Hazal. Als sie ein betrunkener Student anmacht kommt es zu einem schockierenden Ausbruch von Gewalt. Sie rammt ihn mit ihrem Ellbogen in den Magen, tritt ihm ins Steißbein. Die Folgen zwingen Hazal nach Istanbul zu fliehen. Sie gerät mitten hinein in die Zeit nach dem gescheiterten Putschversuch gegen Erdogan.

Hier hat Fatma Aydemir auch an ihrem Roman geschrieben. Es ist kein Roman mit erhobenem Zeigefinger, kein Roman, der Antworten parat hat. Fatma Aydemirs Stärke ist die Sprache. Es ist Hazals Sprache und die ihrer Freundinnen. Ihre Perspektive und Ausdruck ihrer Perspektivlosigkeit. Es ist die Wut auf die Ellbogen, die einem das Leben immer wieder hineinrammt, die Verzweiflung und der Frust, dass sich niemand für sie interessiert.
Fatma Aydemir macht es sich nicht einfach und tischt Pauschalantworten auf. Sie lässt uns zurück mit Fragen. „Ellbogen“ lässt einen so schnell nicht los.
 

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William Boyd
Die Fotografin

Berlin, € 24,-

Das spannende Leben der großen Fotografin Amory Clay. Geht es nach ihr, reichen vier wohlgewählte Adjektive aus, um jeden Menschen erschöpfend zu beschreiben. Was passte wohl zu ihr? Mutig, selbstbewusst, unüberlegt und stark.

Sie kennen die Pionierin der Fotokunst nicht? Kein Wunder, sie ist William Boyds neueste Erfindung.

Seine Inspirationsquelle für „die Fotografin“ sind echte Schnappschüsse von Unbekannten,  die er auf Flohmärkten und Auktionen erstanden hat und um die er seine erdachte Geschichte gesponnen hat. Wie schon vor 20 Jahren in „ Nat Tate“ versucht er den Leser Glauben zu machen, er lese über ein tatsächliches Leben. Virtuos erzählt William Boyd ein Frauenleben. Und wieder ist es ihm gelungen, seinen Roman so real wirken zu lassen.

William Boyd „zeitreist“ mit seiner Heldin, eine der ersten Pionierinnen der Fotokunst. Aufbruch, Umbruch, das sind Amory Clays Themen. 1908 geboren, wirft sie sich als junge Frau mutig ins Abenteuer um Profi-Fotografin zu werden. Im dekadenten Berlin der goldenen Zwanziger fotografiert sie Orgien und Prostituierte,  pendelt zwischen London und New York, als Kriegsfotografin erlebt sie Nazideutschland, fotografiert traumatisierte Soldaten in Vietnam. Spätfolgen der Kriege spiegeln sich in drei Männern, die ihr Leben bestimmen: ihr Vater, ihr Bruder und ihr Ehemann.

Das menschliche Befinden, „human condition“ ist das, was Boyds Feder wohl immer wieder antreibt. Boyd lässt seine Heldin Amory Clay als 70 jährige Resümee ziehen. Dabei kommt sie uns ganz nah und es ist eine von den Geschichten, in die wir eintauchen und uns wünschen, sie mögen nie zu Ende gehen. 

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Peter Wohlleben
Das geheime Leben der Bäume

Ludwig 2015,  € 19,99 

Sie wachsen ganz langsam, suchen Nähe, schließen Freundschaften, stehen einander im Alter bei. Die Rede ist nicht von uns Menschen, sondern von den Bäumen als soziale Wesen und damit von Peter Wohllebens phantastischem Buch „ Das geheime Leben der Bäume“.

Seine Sicht auf die Bäume steckt voller Magie, zieht den Leser in seinen Bann, scheint uns etwas verloren geglaubtes wieder zurück zu geben.

Der Förster weiß, wie die Bäume miteinander kommunizieren. Er spricht von Straßenkindern, oder vom Buchenkindergarten...und öffnet uns die Augen. Die Bucheneltern beispielsweise sorgen für langsames Wachstum ihrer Sprösslinge, denn sie wissen, „nur wer langsam wächst, kann alt werden“. Der Autor hat jahrzehntelang die Pflanzen studiert, trotzdem gibt es auch für ihn noch unzählige Waldgeheimnisse. Wer das ganze als Esoterik abtun möchte, liegt falsch. Didaktisch klug versteht Wohlleben es einfach, uns seine wissenschaftlichen Erkenntnisse in eine verständliche Sprache zu übersetzen. Jeder, der sein Buch gelesen hat, sieht den Wald bei seinem nächsten Besuch mit anderen Augen.

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Jonathan Franzen - Unschuld

Ungekürzte Lesung mit Sascha Rotermund und Walter Kreye

Der Hörverlag, 26,99€  (Geb. Rowohlt Verlag, 26,95€)

Wieder ein Franzen-Familien-Epos. Fünf Jahre liegen zwischen „Freiheit“ und seinem neuem Titel „Unschuld“!  Es geht um Liebe, Sehnsucht, Träume, Politik, Wahrheit, Verrat, Manipulation und Rache.
Ein Familienroman, in dem fast alle Protagonisten eines gemeinsam haben: es gibt keine einzige heile Familie. Alles befindet sich in der Auflösung. Die Sehnsucht nach einer intakten Familie führt die meisten seiner Figuren in eine sexuelle Irre mit ungeahnten Konsequenzen. Franzen richtet sein Augenmerk auf Internet, Informationsverarbeitung und Schutz der Privatsphäre. Dabei erzählt er spannend und menschlich berührend zu gleich.
Pip Taylor, die eigentlich „Purity“ heißt, so wie der amerikanische Originaltitel, weiß nicht wer ihr Vater ist. Ihre Mutter will das Geheimnis nicht preisgeben. Studienschulden erdrücken sie, die Arbeit in einer Online Telefonmarketing Firma empfindet sie als unbefriedigend und zu allem Übel ist sie unglücklich in einen älteren, verheirateten Mann verliebt.
Da bietet sich ihr die Möglichkeit für ein bezahltes Praktikum bei dem Online Whistleblower  Andreas Wolf in Bolivien. Der Aktivist lässt Ähnlichkeiten mit Julian Assange erkennen, mehr aber auch nicht. Weltweit wird er als Robin Hood des Internets gefeiert. Pips heimliches Ziel ist es, dort heraus zu bekommen, wie alt sie ist und wer ihr Vater ist.
Andreas Wolf, als ostdeutscher Parteifunktionärssohn aufgewachsen und Spross einer nymphomanischen Mutter, legt später reihenweise Mädchen und Frauen flach. Als erwachsener Regimekritiker trägt er ein dunkles Geheimnis, einen Mord, mit sich herum. Franzen wählt für seinen Roman „Unschuld“ mehrere Kontinente,  einen multiperspektivischen Aufbau und unterschiedlichste Menschentypen

Eine hochaktuelle, temporeiche Geschichte, die man sich vorlesen lassen sollte. Autofahrten vergehen da wie im Flug. Fast 40 Stunden brillant und packend umgesetzt von Sascha Rotermund und Walter Kreye.

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Peter Richter - 89/90

Luchterhand, 19,99€

Es ist der letzte, damals viel beschworene Sommer in der DDR.

Eine Jugendclique im "Tal der Ahnungslosen“, wie man Dresden zu der Zeit nennt, verbringt ihre Zeit damit Punk- Musik zu machen, herum zu hängen und nachts ins städtische Schwimmbad einzubrechen. Um sie herum zerfällt der Staat, alles scheint ins Wanken zu geraten. Sie sind die Letzten, die noch vormilitärischen Unterricht haben und die Ersten, die das dann gegen die Staatsmacht anwenden und zuletzt auch gegeneinander. Die Mitglieder der Freibad- Clique radikalisieren sich zu Linken, die anderen zu Rechten und begegnen sich mit Baseballschlägern in der Hand. Die handelnden Figuren nennt der Autor  nur bei ihrem Anfangsbuchstaben, was uns Leser irgendwie Authentizität und Chronologie suggeriert.  Peter Richter, Kulturkorrespondent der Süddeutschen Zeitung in New York und gebürtiger Dresdner, schildert in seinem  autobiografischen Roman 89/90 stimmungsvoll das Ende der DDR aus der Sicht eines Sechzehnjährigen. Die DDR in diesem Roman sieht ganz anders aus, gemütlich und zugleich fremd. Betont wird dies durch die eingestreuten Fußnoten zu einschlägigen Begriffen, die auch den Wessi auf dem Laufenden halten und den Ossi wiedererkennend schmunzeln lassen. 89/90 ist kein Aufguss von Wenderomanen, wie wir sie von  Uwe Tellkamp, Clemens Meyer oder Alexander  Osang kennen. Beim Lesen  ist auch nichts von  respektvollem historischen Pathos oder Ostalgie zu spüren. Vielmehr erzählt Richter aus der Sicht eines jugendlichen Anarchisten, jugendlich naiv und trotzdem weitsichtig. Von seiner Orientierungslosigkeit, seiner Suche, von dem Lebensgefühl einer rebellischen Generation in der untergehenden DDR.

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Jean-Philippe Blondel - Direkter Zugang zum Strand

Piper, 16,99€

Wenigstens in den Ferien möchten die meisten von uns keine Probleme, sondern einfach ihren Blick übers Meer zum Horizont schweifen lassen. Also am besten ein Hotel mit direktem Zugang zum Strand. So heißt auch Jean Philippe Blondels neuer Roman. Seine Geschichte beginnt 1972 in den Sommerferien in einem Ferienort an der französischen Atlantikküste. Die drei weiteren Kapitel spielen im Verlauf eines 10 Jahres Rhythmus an verschiedensten französischen Küstenorten. Allen Ferienzielen gemeinsam, sie alle sind abseits des Rummels gelegen. Scheinbar zusammenhangslos erzählt der Autor von Menschen, die Jahr für Jahr für einen Monat ans Meer fahren. Eigentlich ist es nicht Blondel, sondern es sind seine Figuren, die uns multiperspektivisch Einblicke hinter ihre Fassaden gewähren. Intensive Augenblicke und Momentaufnahmen. Ein Kaleidoskop der Gefühle: Liebe, und Freundschaft, Aufbegehren und Gleichgültigkeit, Neuanfang und Trennung, Lebenslügen und Tod. Das wahre Leben eben. Allmählich taucht der Leser in das Beziehungswirrwarr ein und erkennt, dass die sich scheinbar zufällig begegnenden Menschen schicksalhaft miteinander verbunden sind. Sie alle sind jemandem aus den vorherigen Kapiteln begegnet, manchmal ohne dass sie sich dessen bewusst sind. Der kleine Phillipe, später homosexuell geworden,  bewundert als Kind Jean Michel, der  als Jugendlicher für die USA und  die Revolution schwärmte und später von seinen Kindern als Spießer verachtet wird. Danielle, die zu Beginn aufgetakelt als Russin Natascha auf Männerfang geht. Jahre später treffen wir im Urlaub auf einen ihrer männlichen Eroberungen. Unglaubliche Querverbindungen, die sich wie Puzzlestückchen zusammenfügen. Blondel beobachtet genau, deckt auf und analysiert. Mal fröhlich, komisch, oder erschreckend, grotesk und traurig. Wunderbar erzählte Lebenslinien auf 160 Seiten. Wer mehr über die Entstehung des Romans, aber auch über die Zukunft der Figuren wissen möchte, sollte unbedingt den Anhang zu lesen.

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