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Empfehlungen von Mechthild Heinen

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John Williams
Augustus
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Robben
dtv, € 24,-

 Nach Stoner und Butcher’s Crossing ist der dtv-Verlag in der glücklichen Lage, uns in diesem Winter den dritten Roman des amerikanischen Schriftstellers John Williams vorzulegen, und das ist erneut ein echtes Meisterstück, von dem sich viele Leser begeistern lassen werden. 

Natürlich ist es ein historischer Roman, wenn die Hauptfigur Octavius heißt, der als Großneffe und Adoptivsohn Julius Cäsars nach dessen Tod den Namen Augustus annehmen wird und für mehr als vierzig Jahre das politische Geschehen des römischen Reiches bestimmt. Expansionskriege vergrößern das Reich, im Innern kann von einer langen Konsolidierungsphase, der Pax Augusta, gesprochen werden. John Williams erzählt von diesem Mann Augustus als einem Menschen, der durch alle erdenklichen persönlichen Höhen und emotionalen Tiefen geht und sich mit gefühlloser Kälte und ausgeprägtem Machtwillen wappnet, um seine Ziele zu erreichen. Geschickt hat der Autor die Form des Briefromans gewählt, um viele Stimmen zu Wort kommen zu lassen. Es berichten härteste politische Gegner, Intriganten, Verschwörer und die wenigen echten Freunde des Herrschers. Auch seiner zweiten Frau und seiner über alles geliebten Tochter Julia wird Raum gegeben, ihre Sicht des Lebens mit dieser Persönlichkeit zu erläutern. So entsteht ein »Teppich« an Details, der uns Augustus als einen nachdenklichen Erfolgsmenschen, aber auch als weisen und den Niedergang seiner Herrschaftszeit voraussehenden klugen Politiker beschreibt.

John Williams ist ein großer Wurf gelungen. Sprachlich präzise und doch auch von hoher emotionaler Qualität, kann er den Leser in die Historie hineinziehen. Wenn Augustus am Ende seines Lebens auf einer letzten Schiffsreise einen rückblickenden Abschiedsbrief schreibt, lesen wir einen lebensklugen philosophischen Text, der allen historischen Bezügen entschwunden zu sein scheint und das Existenzielle eines langen, reichen Menschenlebens beschreibt. Wahrlich ein Meisterwerk! 

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Sylvie Schenk
Schnell, dein Leben
Hanser, € 16,-

 Zwischen den Buchdeckeln dieses feinen Buches verbirgt sich ein ganz erstaunlich erzählter Text, der auf wenigen Seiten den reichen Lebenskosmos seiner Hauptfigur darlegt. "Schnell, dein Leben" ist ein Roman, der durchgehend in der 2. Person Singular verfasst ist. Die Autorin spricht ihre Protagonistin Louise mit »Du« an, und schnell verschmelzen in den Augen des Lesers Autorin und Louise zu einer Person. Es ist wie eine verspätete Befragung des eigenen Lebens, ein Abtasten der gewesenen Lebensstationen und ein nachdenkliches Ausloten der unterschiedlichen Möglichkeiten, die das Leben in bestimmten Momenten zugelassen hat, wenn Sylvie Schenk ihren/ Louises Lebensweg nachzeichnet.

Als Tochter aus einfachem Hause in den französischen Alpen aufgewachsen, kommt sie in den 50er Jahren zum Studium nach Lyon und kann sich einen Freundeskreis aufbauen, in dem sie auch deutsche Studenten kennenlernt. Es ist die Zeit der ersten Liebe, der Orientierung und Positionierung, und es wird ihr deutscher Freund Johann sein, der sie als Ehefrau in sein Heimatland führen wird. Louise ist nun eine »Grenzgängerin«. Das Pendeln zwischen Nachkriegsdeutschland und Frankreich offenbart sich in den Kleinigkeiten des Alltags, aber auch in der Suche nach der Wahrheit dessen, was zu Kriegszeiten auf beiden Seiten dieser Ländergrenzen geschehen ist. Die Fragen nach Schuld und kulturellen Differenzen legen sich wie Mehltau über die Beziehung der Eheleute. Louise bleibt tief in ihrem Innern eine Fremde im neuen Heimatland.

Das Buch ist ein kleines Juwel. Es lebt von vielen kurzen Kapiteln, die mit einem Rhythmus, mit einer Schnelligkeit, mit einer Deutlichkeit erzählt werden, dass man als Leser nach 160 Seiten den Buchdeckel schließt und melancholisch feststellen muss: Ja, es ist schnell, das Leben …

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Celeste Ng
Was ich euch nicht erzählte
dtv, € 19,90 

Dass sich ungewolltes Außenseitertum von den Eltern auf die Kinder überträgt, ist eine traurige Tatsache, der sich nicht immer alle entziehen können, zumal wenn man im Amerika der 70er Jahren in einer Kleinstadt heranwächst.

Celeste Ng erzählt uns eine dramatische Familiengeschichte, die dieses Phänomen zum Thema hat: Familie Lee gehört eigentlich der wohl situierten Bildungsbürgerschicht an, doch die chinesischen Wurzeln des Vaters sind äußerlich deutlich sichtbar. Mit psychologisch sezierenden Beobachtungen schafft es die Autorin eine zerstörerische Dynamik innerhalb dieses amerikanisch-chinesischen Familienbundes plausibel darzustellen. Die Eltern, aber auch die drei Kinder haben ihre eigene hochkomplexe Lebensgeschichte und dass die Familie auf eine Katastrophe zugesteuert ist, verrät die Autorin bereits im ersten Satz: „Lydia ist tot“.

Man bleibt betroffen zurück, denn Sprachlosigkeit und fehlender Mut, das Miteinander offen und ehrlich zu gestalten, sind Umstände, die uns täglich -egal wo- immer wieder begegnen.

Ein tolles Debut einer jungen Autorin, die die richtige Sprache für eine überaus spannende Geschichte gefunden hat!

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David Grossmann
Kommt ein Pferd in die Bar
Hanser, € 19,90 

Wer David Grossmann nicht kennt, könnte bei einem solchen Titel stutzen.
„Kommt ein Pferd in die Bar“ klingt aufdringlich, einen Witz evozierend. Dazu ein Cover, dass irritiert, schale Unterhaltung suggeriert und dann stellt sich doch Interesse ein, Neugier: Was hat es mit einer Geschichte mit einem solchen Titel auf sich?

Grossmann, den wir von intensiven wie todtraurigen Romanen her kennen zeigt uns ein geradezu geniales, lange nachklingendes Muster einer Erzählung: Wir sind Teilnehmer eines Kleinkunstabends, ein Stand-up-Comedian ist unser Erzähler, der uns bis zum Ende dieses Buches mit seinen atemlosen Ausführungen fasziniert. Der Leser wird von diesem jüdischen kleinen Mann Dovele, wie er sich nennt, abgestossen, der Leser wird angezogen, der Leser will sich abwenden, aber die Faszination ist größer. Der Comedian hat einen alten Freund eingeladen und nicht nur ihm, sondern seinem ahnungslosen Publikum, das eigentlich nur Witz und Scherz erwartet, erzählt er sein Leben. Er öffnet sich und zeigt seine Wunden, seinen Humor, seine Tragik, seine Entwicklung, seine Menschlichkeit, seine Unerlöstheit, seine Wehmut und seinen Frieden, den er doch noch mit seiner Vergangenheit machen kann.

Der Leser wird mit dem ersten Satz gefangen, mit den letzten zwei Worten belohnt. Ein großartiges Buch - unvergesslich.

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David Garnett
Dame zu Fuchs
Dörlemann Verlag, € 17,00

Das vielleicht schönste Buchcover in diesem Frühjahr! Der Dörlemann Verlag überrascht uns mit einem auffallenden Buch, das einen lange vergessenen Text des englischen Autors David Garnett vorstellt. Garnett veröffentlichte in den 30er Jahren in England im Umfeld des Bloomsbury Kreises einige kleine Romane und mit „Lady into Fox“, 1922 erschienen, sorgte der illustre Autor auch damals für einige Aufmerksamkeit. Erzählt wird eine irre Geschichte: Sylvia Tebrick, eine 24jährige junge Frau, verwandelt sich plötzlich, an der Hand ihres Ehemannes während eines Spazierganges, in einen Fuchs. Der auktoriale Erzähler bringt uns diese Begebenheit auf so eine nonchalante Art und Weise bei, dass wir uns als Leser kaum wundern, wenn fortan en détail das Leben des ungewöhnlichen Paares beschrieben wird. Mensch und Tier leben weiterhin unter einem Dach, bis Mr. Tebrick eines Tages akzeptieren muss, dass er seine über alles geliebte Frau/Fähe nicht länger domestizieren kann. So begibt sich der Ehemann sukzessive in ihr neues Umfeld, das Tierreich, und findet dort größte Zufriedenheit und Erfüllung. „Wundersame oder übernatürliche Begebenheiten sind weniger ungewöhnlich als vielmehr unregelmäßig in ihrem Auftreten“ – so beginnt dieser klassische, dennoch experimentelle kleine Roman. In hochvergnüglich eleganter Sprache blitzen britischer Humor, wunderschöne Naturbeobachtungen, aber auch ernste Fragen nach Liebe und Abhängigkeiten der Menschen untereinander hervor.

Herrlich zu lesen, very british, very sophisticated! 

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Shida Bazyar
Nachts ist es leise in Teheran
Kiepenheuer & Witsch, € 19,99

Shida Bazyar ist eine junge in Berlin lebende Autorin, die uns in diesem Frühjahr ein Debüt vorlegt, das fasziniert: Eingebettet in eine emphatisch erzählte Familiengeschichte wird uns die jüngere Geschichte des iranischen Staates und seines leidgeprüften Volkes vor Augen geführt. Dabei sind wir ganz nah am Geschehen. Jedes Familienmitglied bekommt ein eigenes Kapitel in diesem Roman und erklärt aus seiner Perspektive wie alternativlos die Politik die Lebenswege bestimmt hat. Sind wir mit dem kommunistischen Revolutionär Behsad zunächst im Jahr 1979, in dem er gegen den Schah demonstriert und für eine freie Zukunft kämpft, so erfahren wir über die Zeit seiner Familiengründung und dramatisch-geheimnisvollen Flucht nach Deutschland aus dem Munde seiner Ehefrau Nahid. Gebildet wie er, war auch für sie ein Leben in der Heimat nicht mehr möglich. Religiöser Fanatismus und lebensbedrohliche Repressalien der Mullahs gegen Intellektuelle haben den Eheleuten und ihren Kindern die Heimat genommen. In Nahids Bericht über ihre langsame Integration in Deutschland kommt die große Fremdheit der unterschiedlichen Kulturen zur Sprache. Auch zehn Jahre später - nun folgen wir der Stimme der Tochter Laleh im Jahre 1999 - ist der Kontrast immer noch schmerzlich. Sie, ihre Mutter und die kleine Schwester verbringen erstmals einige Wochen im Iran bei der Großfamilie. Sie kommen als geliebte Familienmitglieder, aber auch als westlich sozialisierte „Fremde“ – Lebenswege hinterlassen Spuren. Sprechende Details dieser anderen Lebenswelt zaubern den Alltag, seine Gebräuche, Speisen und Gerüche vor unseren Blick.

Wenn sich am Ende des Buches die in Deutschland geborene Jüngste der Familie als emanzipierte, politisch frei-denkende Frau zu Wort meldet, haben wir mit diesem Buch eine weite Reise in die jüngere, tragisch-wechselvolle Geschichte Persiens zurückgelegt.

Eine Reise - eine Lektüre - die absolut lohnt!

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Marceline Loridan-Ivens
Und du bist nicht zur
ückgekommen
Insel Verlag, € 15,-

Dieses schmale Bändchen sollte zum Klassiker werden: Marceline Loridan-Ivens schreibt ihrem Vater einen Brief, 70 Jahre nachdem er nach Auschwitz gebracht wurde und nie wiederkam. Sie, seine Tochter, war zur Zeit der Deportation 15 Jahre und wurde von ihrem Vater getrennt. In der Hölle von Birkenau konnte sie wie durch ein Wunder überleben. Heute ist die Autorin eine alte Dame, die als französische Dokumentarfilmregisseurin ihren Weg zurück ins Leben fand, die Spuren der Vergangenheit aber wie tiefe Wunden und Schmerzen bis heute in sich trägt. Jetzt, im hohen Alter, schreibt sie ihrem Vater von diesem, ihrem Leben nach dem Lager, von ihrer Sehnsucht nach ihm, von ihrer Suche nach den Worten, die er ihr einst ins Lager auf einem kleinen Zettel zukommen lassen konnte – sein letztes Lebenszeichen. Den Zettel musste sie sofort vernichten und so leidet sie bis heute darunter, dass sie sich die kostbaren Worte nie mehr wieder ins Gedächtnis rufen konnte.

Marceline Loridan-Ivens Brief an den Vater ist so persönlich und scharf in der Erinnerung an das Geschehene, dass er den Leser sprachlos und beschämt zurücklässt. Dieses Buch sollte sehr, sehr viele Leser finden!

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Henry James
Die Gesandten

Hanser, € 34,90

Klassiker lesen oder verschenken passt besonders gut in die Weihnachtszeit, denn vielleicht sollte das doch die Zeit mit Muße und dem Blick auf Beständiges sein. Wer sich den neu übersetzten Roman des 1843 in New York geborenen Henry James vornimmt, braucht ein gerüttelt Maß an Zeit und Muße, braucht geschulte Lese-Geduld, wird dann aber aufs Höchste belohnt mit einer Geschichte, die entführt und einer Sprache, die köstlicher und kunstvoller kaum sein könnte. „Die Gesandten“ zeigen James ganze Meisterschaft uns eine Geschichte zu erzählen, die die Welt Amerikas und Europas in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts umfasst. Zwei Amerikaner in Europa, was sehen sie, was erleben sie, was empfinden sie im kultivierten Paris der Belle Epoque? James Vermögen, Personen zunächst indirekt durch andere Figuren vorzustellen, den Leser aber dann ganz dem Bewusstseinsstrom ihrer Gedanken anzuvertrauen, ist ein Kunstgriff, den der Autor aufs virtuoseste beherrscht. Wird Lambert Strether es in Paris schaffen, den Auftrag zu erfüllen, seinen amerikanischen Landsmann Chad Newsome nach Amerika zurückzuholen, um ihn dort der Familie und dem anzutretenden Erbe zuzuführen? Henry James benennt im Nachwort seines 1903 erstmals publizierten Romans das Thema dieses Werkes selbst aufs Treffendste: „Leben Sie so intensiv Sie können; alles andere ist ein Fehler. Was Sie tun, spielt eigentlich keine große Rolle, solange Sie Ihr eigenes Leben leben. Wenn Sie das nicht gelebt haben, was haben Sie dann überhaupt gehabt?“ (s.S. 577/578).

Lesen und genießen Sie dieses Buch!

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Mein absoluter Lieblingstipp (für dieses Weihnachtsgeschäft) und beide Bücher sollten gemeinsam verschenkt werden:

Jens Andersen
Astrid Lindgren. Ihr Leben

DVA, € 26,99

Pippi Langstrumpf, Michel, Ronja und Kalle Blomquist und ihre Freunde „wohnen“ sicherlich längst in Ihrem Haushalt - nun stellt Jens Andersen uns die weltberühmte Autorin dieser „Klassiker“ in einer großen neuen Biographie vor, die leicht wie behutsam, voller Details und neuen Quellenmaterials von dieser interessanten Frau erzählt. Astrid Lindgren hat ein sehr bewegendes Leben geführt, das als junge Erwachsene zunächst traumatisch begann: Den damaligen gesellschaftlichen Umständen entsprechend, entschied sich die unverheiratete junge Schwedin ihr Neugeborenes nach Dänemark zu einer Pflegemutter zu geben - ein Umstand, unter dem sie bis an ihr Lebensende gelitten hat. Astrid Lindgren hat aber auch viele glückliche, abwechslungsreiche, aufregende und extrem erfolgreiche Lebensjahre erleben dürfen, bis sie 2002 mit 94 Jahren in Stockholm verstarb. Nur ein so reiches Leben mit allen emotionalen Höhen und Tiefen konnte ein so bedeutendes Werk schaffen, das hier von Jens Andersen klug beleuchtet und gedeutet wird. Ihren unendlichen kreativen Fleiß, ihre vor allem den Kindern zugewandte Herzenswärme, ihre Klugheit und ihr im Alter zunehmendes politisches Engagement weiß diese neue Biographie meisterlich darzustellen.

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Astrid Lindgren
Die Menschheit hat den Verstand verloren
Ullstein, € 24,-

Noch nie hat man sie lesen können: Die Tagebücher Astrid Lindgrens, die sie während des Krieges 1939-1945 dazu benutzte sich der Dramatik ihrer Zeit zu stellen. Astrid Lindgren hat in dieser Zeit noch kein Kinderbuch geschrieben, die erfolgreichen Jahre werden erst noch kommen und doch wird das Schreiben schon jetzt zu einer Passion. In ihrer fast täglichen Berichterstattung schildert sie engagiert und politisch äußerst klarsichtig die kriegerischen Verstrickungen der einzelnen Länder und Mächte um das neutrale Schweden herum. Astrid Lindgrens Broterwerb zu dieser Zeit war eine Arbeit in der Briefzentrale des schwedischen Geheimdienstes, was sicherlich auch ihr akribisches Interesse am Kriegsgeschehen begründet. Ohnmächtig gegen all das Elend und fassungslos ob der Grausamkeit des Menschen lernen wir aber in diesen Texten auch die junge Mutter kennen, die, nun mit zwei Kindern in Stockholm wohnend, der Gewalt und dem Terror in ihren erzählten Geschichten eine neue Welt entgegenstemmen will. Pippi Langstrumpfs „Leben“ beginnt in den Wintertagen des Jahres 1941. Was zunächst nur mündlich bleibt, wird als Buch ab 1944 zum Welterfolg. Viele Fotos und Abbildungen der Originalseiten aus Astrid Lindgrens Kriegstagebuch machen dieses Buch zu einem wahrlich erstaunlichen Zeitdokument!

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Anne Enright
Rosaleens Fest

DVA, € 19,99

Die Situation ist ein Klassiker: Verwitwete Mutter, allein in ihrem Haus lebend, schreibt ihren vier Kindern eine Weihnachtskarte und lädt alle ein, die Festtage bei ihr zu verbringen, da sie wohl zum letzten Mal in diesem Haus beisammen sein können. Ihr Entschluss steht fest, sie möchte das Familienhaus verkaufen. Die erwachsenen Kinder leben alle längst ihr eigenes Leben und haben untereinander nicht besonders viel Kontakt. Soweit das Setting des Romans. Dass die irische Autorin Anne Enright daraus einen wirklich schmerzhaft schönen Roman bauen kann, liegt an den Figuren, die sie erschafft. Da sind die Kinder, die jeweils in einzelnen Kapiteln auf unterschiedlichen Zeitebenen vorgestellt werden und die in all ihrer Einsamkeit, ihrem Versuch ein schönes und gutes Leben zu leben den Leser in ihrer Komplexität überzeugen. Da wird ungeschönt und hart auch vom Scheitern berichtet. Die Flucht ins Ausland, weil man glaubt, die örtliche Distanz zur familiären Vergangenheit würde Befreiung bringen, erweist sich als Trugschluss. Die „Pflicht“, als Tochter der Mutter durch Nähe eine Stütze zu sein, wird zur Lebenslüge. Denn: Im Mittelpunkt steht irgendwie immer Rosaleen, die als eine höchst egozentrische, kalte, eigenwillige und in sich gefangene Person geschildert wird. Als Mutter hat sie eigentlich kläglich versagt. Manipulativ greift sie scheinbar unbemerkt in die Lebenswege ihrer Kinder ein, die dennoch an ihr hängen, denn nichts zeigt sich im Roman und sicherlich auch an unseren eigenen Weihnachtsfesten deutlicher: Familienbande sind trotz Erschütterungen stark und halten viel aus! Anne Enright ist ein „Festtags-Klassiker“ gelungen, der fasziniert, weh tut und unter die Haut kriecht!

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Shumona Sinha
Erschlagt die Armen

Nautilus 2015, € 18,-

Dieser Titel ist eine Provokation. „Assommons les Pauvres!“ so überschreibt Charles Baudelaire eines seiner scharfzüngigen Prosagedichte aus dem Jahr 1864/1865. Nun prangt dieses Zitat auf dem Cover einer bemerkenswerten Neuerscheinung des Nautilus Verlags. Ein angeschnittenes Porträt und der angsterfüllte Blick der jungen Frau komplettieren den energiegeladenen Auftritt dieses schmalen Buches. Das Äußere täuscht nicht, denn der Text der in Indien geborenen, aber seit langer Zeit in Paris lebenden Autorin ist von ebensolch großer Kraft und Eindringlichkeit.

Eine Ich-Erzählerin führt uns durch die Geschichte. Selbst dunkelhäutig und von indischer Abstammung, arbeitet sie seit geraumer Zeit als Dolmetscherin in der Asylbehörde der Stadt Paris. Eines Abends schlägt sie einem Migranten in der Metro im Affekt eine Weinflasche auf den Kopf mit der Folge, dass sie sich in Untersuchungshaft wiederfindet. An diesem Punkt nimmt der Text seine Fahrt auf, bleibt durchgehend in der Ich-Perspektive und berichtet hastig, pochend und drängend von den Schwierigkeiten der Hauptfigur ihren eigenen Stand zu finden in einem gesellschaftlichen System, dessen Probleme ihr täglich unter die Haut gehen. Die Sprache der Asylbewerber versteht nur sie und so sieht auch nur sie die umfassenden, persönlich-tragischen Lebensumstände der einzelnen Menschen, gleichwohl aber auch deren Unzulänglichkeiten, Vermessenheiten und Lügen, die sie instrumentalisieren, um an ihr Ziel zu kommen. Nur die Ich-Erzählerin entscheidet, welche Worte sie wie übersetzt, was sie ausspart und wie sie den Migranten zu Sprache verhilft. Emotionale Überforderung ist ihr täglicher Begleiter. Shumona Sinha ist ein wirklich packender Roman gelungen, der aktueller und eindringlicher nicht hätte sein können. Die Härten der Erzählung kontrastieren dann aber umso erstaunlicher mit einer einnehmend gefühlvollen und faszinierenden Sprache, deren poetische Wendungen der Thematik Schrecken und Distanz nehmen. Unser Bücherherbst wird um eine große und wichtige Stimme bereichert!

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Diese Empfehlung ist von Felicitas Heinen:

Helen Macdonald - H wie Habicht

Allegria Verlag 2015, 20 €

Es geht um den Verlust des geliebten Vaters und doch um so viel mehr: Helen Macdonald berichtet in diesem autobiographischen Meisterstück, wie sie – durch den Tod ihres Vater vollkommen aus der Bahn geworfen – Halt und Stabilität bei der großen gemeinsamen Leidenschaft von ihr und ihrem Vater findet: den Greifvögeln.  Sie nimmt ein Habicht-Weibchen auf, gibt ihm den Namen Mabel und erzieht es zur Jagd. Nichts an diesem Unterfangen ist einfach und Macdonald beschreibt jedes Bemühen und Scheitern und Versagen und Wieder-Beginnen mit einer sprachlichen Wucht, dass der Leser selbst getroffen wird, wie die Beute vom Jagdflug des Habicht.

Man hofft, dass Mensch und Tier einander helfen können und doch kann der Habicht sehr gut ohne den Mensch und der Mensch kann doch nicht nur mit einem Tier.

Die berührende Ehrlichkeit der Worte, das unbekannte Terrain der Raubvögel gepaart mit dem tiefen Schmerz des Verlustes und der finalen Erkenntnis, dass der Mensch – anders als der Habicht – ein im tiefsten soziales Tier ist, machen dieses Buch so einzigartig, so empfehlenswert . Wer Tiere versteht, wird das Unmögliche ab der ersten Seite wollen: Nicht nur über Habichte lesen, sondern ihre Nähe erleben, einen Habicht als Begleiter.

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Nora Bossong - 36,9 °

Hanser Verlag 2015, 19,90 € 

Die Lebensgeschichte Antonio Gramscis ist sicherlich wenig bekannt. Der 1891 in Italien geborene Schriftsteller und Journalist konnte trotz seines frühen Todes im Jahre 1937 als einer der wichtigsten Mitbegründer der marxistischen Partei in Italien politisch zukunftsweisende Akzente setzen. Sein Privatleben jedoch war seit Kindertagen von „dunklen Wolken“, Krankheit und jahrelangen Gefängnisaufenthalten verdüstert. In seinen 32 sogenannten Gefängnisheften schrieb er über seine Einsamkeit und Verzweiflung, vor allem formulierte er aber auch seine politischen Ideen und vergewisserte sich so immer wieder der Richtigkeit seiner marxistischen Philosophie.

Nora Bossong gibt uns einen geschickt konstruierten Einblick in das Leben Gramscis, indem sie einen Göttinger Wissenschaftler Anton Stöver nach Rom schickt, der dort über Gramsci forschen, v.a. ein verschollenes Gefängnisheft finden will. So haben wir eine zweite Hauptfigur, durch deren Recherche wir mit der wechselvollen Lebens- und dramatisch-leidvollen Liebesgeschichte Gramscis vertraut werden. Stöver selbst ist ein freier, doch unruhiger und in den wichtigen Dingen des Lebens, seiner Verantwortung als Ehemann und Vater, vollkommen überforderter Mensch. Der Kontrast zu Gramsci, der sein Leben konsequent seiner politischen Überzeugung widmet, könnte in vielen Lebensbereichen nicht größer sein. Nora Bossong schafft es überzeugend uns in der historischen Figur Antonio Gramscis und in der Figur Anton Stövers zwei Protagonisten vorzustellen, die auf ihre jeweils eigene Art in der Privatheit der Liebe keine Ruhe finden. Diesen Roman darf man ohne Übertreibung einen tiefgründig-schönen Text nennen. Lesen!

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Lily King - Euphoria

C. H. Beck, 19,95 €

Die amerikanische Autorin Lily King kam im Juli diesen Jahres zu einer kurzen Lesereise nach Deutschland. Sie stellte ihren neuesten Roman vor.
In Amerika bereits mit ihren Kurzgeschichten und drei früheren Romanen als erfolgreiche Autorin gefeiert, kann sich der C.H. Beck Verlag glücklich schätzen ihren neuesten Roman „Euphoria“ als wichtigste belletristische Neuerscheinung im eigenen Herbst/Winter-Programm zu präsentieren. Und dieses Buch hat tatsächlich alle Qualitäten, die man sich als Leser wünscht. Hier mündet eine packende Geschichte in eine gekonnte literarische Form: Perspektivenwechsel, eingeschobene Tagebucheinträge und Briefe stehen für die Variationsmöglichkeiten einer Erzählsituation, die eine besondere Geschichte wunderbar gestaltet.
Erzählt wird eine kurze Zeitspanne im Leben der Anthropologin Nell Stone, die sich in den 30er Jahren mit ihrem Ehemann zu Forschungszwecken in Neuguinea aufhält. Das Zusammentreffen mit einem britischen Kollegen lässt aus der Zweisamkeit eine emotional höchst angespannte Dreisamkeit werden, die in der exotischen Umgebung ihre dramatischen Besonderheiten entwickelt. „Euphoria“ ist allerdings nicht das Ergebnis reiner Fiktion, sondern lehnt sich deutlich an die Lebensgeschichte der weltberühmten Anthropologin Margret Mead an, nimmt sich jedoch alle inhaltliche Freiheit, die sich ein Romangeschehen nehmen darf. Nell Stones / Margret Meads basale wissenschaftliche Arbeit, die unter widrigen äußeren Umständen von ihrer nie versiegenden Wissbegier getragen wird, vermittelt uns Erkenntnisse über das Leben der Samoaner am Sepikfluss in Papua-Neuguinea.

Als Leser genießen wir das Vermögen der Autorin uns in diese fremde Welt einzuführen. Die psychische Ausnahmesituation der drei Protagonisten spitzt sich in einem tragischen Finale zu. Ein phänomenal gutes, emotional überwältigendes Buch! 

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Peter Härtling - Verdi. Ein Roman in neun Fantasien

Kiepenheuer & Witsch, 18,99€

Peter Härtling ist sicherlich einer der bekanntesten und gleichzeitig fleißigsten deutschen Autoren. In regelmäßigen Zeitabständen bereichert er den deutschen Buchmarkt mit Werken, die immer wieder gekonnt und auf fundierte Art und Weise historische Persönlichkeiten vorstellen. Diesen Spätsommer haben wir das Glück, dass Härtling uns ein schmales, fein hingetupftes Buch über Giuseppe Verdi geschrieben hat, dessen Lektüre sich wirklich lohnt.
Wir haben es nicht mit einer Romanbiographie zu tun, sondern finden den Hinweis im Untertiel des Buches: „Ein Roman in neun Fantasien“. Der Autor komponiert eine Abfolge von Sequenzen, die mit musikalischen Angaben wie „Andante giocoso“, „Allegro agitato“ etc. Stimmungsbilder aus den letzten Lebens- und Schaffenszeiten des italienischen Musikers einfangen. Das macht Härtling so gut, dass man voller Anteilnahme Verdi in seinen letzten musikalischen Werken als einen alten, dennoch willensstarken und bis zuletzt vitalen Künstler kennenlernt und nach der Lektüre dieses Textes seine Musik besser zu verstehen glaubt. Härtling sieht den alten Verdi mit den Augen eines gleichaltrigen Kunstschaffenden und in diesen Momenten wird aus der „Romanfantasie“ auch ein Buch über das Alter.
Härtling wie Verdi können sich über eine bis ins hohe Alter anhaltende Schaffenskraft freuen. Ein weises schönes Buch, nicht nur für Musikfans!  

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Im Deutschlandradio konnten Sie am 03. Juli 2015 Mechthild Heinens Buchempfehlungen lauschen. Boersenblatt.net hat darüber berichtet und Ihnen den Podcast zum Nachhören zur Verfügung gestellt. Hier gehts zu dem Beitrag.

 

John Williams - Butcher's Crossing

dtv, 21,90€

Das ist herrlich harter tobac: „Butcher´s Crossing“  heisst der neue, jetzt von dtv ins Deutsche übertragene Roman von John Williams aus dem Jahre 1960.  Wir kennen von diesem Autor das wunderbare Buch „Stoner“. Das „Neue“ ist in seiner literarischen und thematischen Wucht ein sattes Schwergewicht in diesem Lesefrühjahr.

Das ist ein Buch, das es mit jedem spannenden Western auf sich nehmen kann, das in dieser literarischen Gattung Kultstatus erlangen wird und den Leser kurzfristig mit Haut und Haaren in eine andere Welt katapultiert: Wir sind im Jahr 1872, wir sind „in the middle of nowhere“, wir begleiten einen labilen Bostoner Jüngling auf seiner Suche nach dem wahren „kick“, den ihm das Leben als wohlerzogener junger Mann in der Ostküstenstadt nicht bieten kann. Das Abenteuer beginnt: Gemeinsam mit vier Männern bildet er einen Treck, der auf Büffeljagd geht. Dieses Unternehmen wird zu einem Überlebenskampf, den Mensch und Tier nur unter härtesten Bedingungen bestehen können – und nicht alle! Dass die Geschichte auch für nicht Western erprobte Leser zu einer atemberaubenden Reise wird, ist der bemerkenswerten und sehr besonderen Schreibkunst des Autors zu verdanken. Selten liest man so einfühlsame,  sensibel formulierte und eindringliche Naturbeschreibungen: Das Miteinander von Mensch und Tier, der Staub, die Sonne, die erbarmungslose Kälte des Winters in der Prärie – Williams ist ein Meister der Sprache.

In dieser Geschichte geht es dabei nicht nur um den Überlebenskampf in der Weite von Kansas. Die großen Themen Gier, zerstörerische Übertreibung, lebensnotwendige Verlässlichkeit, Enttäuschung und Versagen bedrängen den Leser. Ein wirklich großartiges Buch, für Männer wie für Frauen!

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Ljudmila Ulitzkaja - Die Kehrseite des Himmels

Hanser, 19,90€

Dieses Buch kommt zur rechten Zeit! Ljudmila Ulitzkaja ist eine der bekanntesten und wichtigsten zeitgenössischen Autoren der Sowjetunion, die, in Moskau lebend, so viel erklären, so viel an persönlichen, aber auch politischen Eindrücken und Einschätzungen über ihr Heimatland weiterzugeben vermag, dass die Lektüre mehr als lohnt.

Das Buch ist Autobiographie und Essaysammlung zugleich. Über dreißig kürzere Texte fügen sich zu einem starken Auftritt: Zunächst sind es die sehr persönlichen Erinnerungen der 1943 geborenen Russin, in denen sie uns die Wurzeln ihrer jüdischen Familie vorstellt. Lesen wird für die Heranwachsende ein Raum der Freiheit, der größeren Dimension, die den beengten Alltag verdrängen kann. Als studierte Genetikerin arbeitet die junge Frau nicht lange, die kritische Beobachterin wird sich als Autorin und einflussreiche Intellektuelle durchsetzen. Mit ihren ins Deutsche übersetzen Romanen „Die Lügen der Frauen“, „Daniel Stein“ und zuletzt „Das grüne Zelt“ (u.a.) ist Ljudmila Ulitzkaja auch bei uns längst zu einer authentischen politisch-kritischen Erzählerin avanciert.

Bei der Lektüre ihres neuen Buches profitieren wir von ihrer melancholischen Abgeklärtheit, egal ob sie uns die russische Weltliteratur in wenigen Strichen zu skizzieren weiss, oder ob sie mutig und kritisch unterschiedlichste Facetten der mitunter menschenverachtenden Putin-Ära beschreibt. Ljudmila Ulitzkaja ist in diesen Texten direkt, emotional, persönlich betroffen und doch mischt sich schon eine milde Altersweisheit in ihre Beobachtungen, die einen das Leben in all seinen Facetten liebenden Menschen erkennen lassen.

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Veranstaltungsvorschau

Hier finden Sie die Lesungsübersicht Herbst 2017 und das neue LehmCOOL Programm Herbst 2017.

Am 15. September liest Ursula Poznanski aus ihrem neuen Roman "Aquila"

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